GA`s "Cambridge Student Newspaper" Interview

14. Februar 2003    
Ein Interview mit Gillian aus der "Cambridge Student Newspaper", Ausgabe vom 6. Februar.

Der X-Faktor

Richard Kimber ist von Gillian Anderson amüsiert, verzaubert und entzückt.

Nachdem ihr gerade laufendes West End-Stück zu Ende geht und es in der nahen Zukunft nichts zu bewerben gibt, gab es für Gillian Anderson wenig Grund, die Einladung der Cambridge Union als Gastsprecherin zu fungieren, anzunehmen, noch weniger Grund, die Aufmerksamkeit einer Studentenzeitung zu begrüßen.

Anderson spricht flüssig und verträumt, mit einem Akzent zwischen neudefinierten Englisch und sanftem Amerikanisch: "Es ist für mich sehr schwer, von Briten umgeben zu sein und nicht in den britischen Tonfall zu verfallen. Wenn ich in Amerika bin, oder sogar wenn ich einen Telefonanruf aus Amerika bekomme, falle ich sofort in diesen Tonfall. Ich bin nicht wirklich stolz darauf, aber ich kann nicht viel dagegen machen. Manchmal, wenn ich mit einem Briten spreche und in einen amerikanischen Akzent falle, ist es deshalb, weil ich mir bewusst werde, dass ich wie ein Britin klinge und dann versuche ich, Amerikanerin zu sein. Ich weiß nicht, wo ich hingehöre."

Sie ist glücklich damit, sie für ihre Antworten so lange Zeit zu lassen, solange sie dafür braucht, und sie entschuldigt sich für das, was sie als "Tendenz mit dem Mund ein klein wenig zu flink zu sein", beschreibt und sie fleht: "Unterbrechen Sie mich jederzeit und sagen Sie mir, ich solle aufhören, wenn ich mich komplett vom Thema wegbewege." Sie könnte sich hier selbst ansprechen, wie es ist, wenn sie ihren Gedanken erlaubt, abzuschweifen, die sie sehr freizügig ausdrückt, und während sie erfrischend ehrlich in ihren Ansichten ist, ist sie sich der allsehenden Macht der modernen Medien immer bewusst, und es ist die unbändige Lust impulsive Kommentare aus dem Zusammenhang zu geben und die Bedeutung von allem anderen zu verdrehen.

"Schließlich hat man verdammt noch mal keine Kontrolle darüber. Man kann jemandem gegenübersitzen und denken, man führt eine intelligente Unterhaltung und trotzdem drucken sie, was sie wollen. Das stört mich am meisten. Das bringt mein Blut in Wallung, vor allem, wenn meine Tochter betroffen ist, das ruiniert so viel.

Ruhm interessiert mich nicht. Auf der einen Seite verachte ich es so sehr, trotzdem ist es an sich so mit dem, was ich tue verwickelt. Ich könnte von jeder Art Droge abhängig werden. Ich denke, ich hatte genug Erfahrungen, in denen diese spezielle Droge mich so leer zurückgelassen hat, Gott sei Dank kann ich heute sagen: `Ich möchte damit nichts zu tun haben. Ich möchte etwas anderes machen.`"

Diese Vorsicht, die sich aus ihren Erlebnissen ergibt, lässt sie über das scheinbar unausweichliche Ausmaß der Publizität, die der Prominentenstatus mit sich bringt, grollen. "Es gibt einen gewissen Grad an Publicity, der stattfinden muss, um das, was man macht, zu bewerben und diesen Aspekt verachte ich absolut. Es gibt einen bestimmten Punkt, wo man für sich selbst Werbung machen muss und ganz egal, was dabei rauskommt, es hat nichts damit zu tun, wie man als Mensch ist. Es ist eine schreckliche Pattsituation, aber unglücklicherweise führt kein Weg daran vorbei und man muss erkennen, dass es `das ist, was man machen muss`."

Ihr Name wurde fast ein Synonym für Dana Scully, ihrer Rolle in "Akte X", und aus diesem Grund allein, ist Anderson verständlicherweise bestrebt, dass dieses Thema nicht die Unterhaltung dominiert. Zurückblickend denkt sie, dass "Akte X" "einige Staffeln zu lange gedauert hat", und erinnert sich, dass ihre größte Herausforderung die war, als Schauspielerin "jeden Tag zu erscheinen und immer wieder neue Dinge im Charakter zu finden und sie frisch zu halten".

Sie fühlt sich allerdings "gesegnet", dass sie das Glück hatte "eine Rolle zu spielen, mit der ich gerne so lange gelebt habe". Und sie ist die erste, die die Vorteile, die der Erfolg der Serie mit sich brachte, zu schätzen weiß. Sie feiert die Tatsache, dass sie nun die Freiheit hat, Bereiche des persönlichen Interesses zu erforschen und ist dankbar, dass "ich, weil ich diesen sehr intelligenten, sehr starken Charakter gespielt habe, einen gewissen grad an Autorität als Schauspielerin gewonnen habe. Wenn ich für `Buffy - Im Bann der Dämonen` zum Vorsprechen gegangen wäre, wäre die Situation komplett anders."

Erst wenn sich Anderson ihr Leben vor "Akte X" in Erinnerung ruft, erklärt sich irgendwie ihre von Haus aus bescheidene Natur. Tatsächlich steckte Andersons Schauspielkarriere, bevor sie zur Serie kam, noch sehr in den Kinderschuhen und der Gedanke einer Karriere als Meeresbiologin war noch immer eine entfernte Möglichkeit. "Ich war eineinhalb Jahre arbeitslos, bevor ich die Rolle bekam. Es ist eine Schande, wie schnell das alles passiert ist und wie viel Glück ich hatte."

Was noch mehr verwundert ist, dass Anderson überhaupt zum Schauspiel kam. Geboren in Chicago, zog ihre Familie nach Puerto Rico, bevor sie sich in London niedergelassen hatte. Dann, mit elf Jahren, zogen sie nach Michigan in eine "abscheuliche Stadt" in der "ich einfach nicht wusste, was ich mit mir anstellen sollte."

"Ich ging durch eine Zeit in meinem Leben, wo ich nicht wusste, wo oben und wo unten war. Meine Gedanken waren überall, ich wollte nicht gesagt bekommen, ich hätte zu studieren, ich wollte nicht in die Schule, ich wollte einfach nichts tun. Es fiel mir schwer mich auf etwas zu konzentrieren. Dann, an einem gewissen Punkt, aus welchem Grund auch immer, fand ich mich bei einem Vorsprechen wieder. Es war für ein Gemeindestück und ich bekam die Rolle. Es war so, als würde plötzlich in mir ein Lichtschalter eingeschaltet, und ich dachte, ich könnte mich da ausdrücken. Ich wurde plötzlich glücklicher. Ich weiß nicht, was mich zum ersten Vorsprechen gedrängt hat", überlegt sie, aber "ich glaube nicht, dass es einen Punkt gab, an dem ich dachte, dass dies nicht das ist, was ich tun sollte."

Sie besteht darauf, dass der kürzliche Zustrom an Hollywoodstars in Londons Theatern "überhaupt keinen Einfluss hatte". Sie erklärt, dass "ein bestimmter Respekt um das Theater in England herrscht, ganz anders als in New York, und ich wollte schon immer Teil davon sein."

Die Herausforderung, nach zehn Jahren Abwesenheit zum Theater zurückzukehren war, so denkt sie, wie "ein Sprung ins Feuer. Im Theater hat man eine lange Zeit aus Proben, in der man seine Rolle entdeckt, man hat diesen Spielplatz in dem man ihn entdecken kann. Im Fernsehen erscheint man vor der Kamera, man geht ein paar mal da durch, vielleicht übt man für die Kameraeinstellungen und dann filmt man eigentlich schon."

Es ist irgendwie eine neue, frische künstlerische Herausforderung die Anderson nun zu ersehnen scheint. "Ich werde Dinge versuchen, die so weit weg von Scully sind, wie nur möglich, aber ich denke nicht, dass ich der Welt beweisen kann, dass ich es tun kann." Sie räumt ein, dass sie "gerade ein wenig genug vom Theater hat", aber unter einer Menge anderer interessanter "Projekte", hat sie kürzlich die Rechte für ein Buch erlangt, von dem sie hofft, ihn in einen Film adaptieren zu können, bei dem sie Regie führen wird. Es scheint sicher, dass ihr Name noch lange nicht aus dem künstlerischen Scheinwerferlicht verschwinden wird.

Ein Ziel, das Anderson unbedingt erreichen will, wenn die Zeit es erlaubt, ist die Rückkehr zu akademischen Studien. "Als ich Studentin war, respektierte ich diese Tatsache nicht. Ich schätzte die Tatsache, dass ich die Welt in meiner Hand hielt, nicht, es war einfach etwas, was ich tat. Nun habe ich die Perspektiven, würde ich es gerne mit dem Respekt, den es verdient, noch einmal angehen."

Eine Rückkehr zum Studium scheint für eine Frau, die unersättlich neugierig und nachdenklich wirkt, perfekt zu sein. Sie ist über die Art, in der sie ihre nomadische Kindheit und ihr jetziger hektischer Lebensstil ihr die Zeit, die sie gerne in akademische Studien und dem alltäglichen Geschehen investiert hätte, nicht gegönnt haben, frustriert. "Wegen der Arbeit, die ich schon so lange mache, es gab neun Jahre, in denen ich kaum die Zeitung las. Es gibt so viel, das ich nicht weiß und ich fühle mich sehr ungebildet. Ich habe ziemlich feste Meinungen und weil man hinhört auf das was ich sage, nehme ich oft Dinge zurück, die ich gesagt habe, Dinge die nicht nur auf Verständnis und Fakten basieren. Ich sollte lieber nichts sagen, sosehr ich auch will, denn ich will mich nicht in diese Lage bringen."

"Ich mache mir keine Sorgen darum. Ich tue einfach, was mir in den Weg kommt und ich versuche mein Leben so zu leben, wie ich mein Leben gerne leben will, dabei geht es um Freunde, Reisen, Freiheit und das ganze Zeug." Es ist diese relaxte geistige Verfassung - erreicht durch Yoga und Meditation - die Andersons Einstellung, dass diese jetzige flüchtige Periode der totalen Freiheit von Verpflichtungen, dann erscheinen wird, wenn die Zeit reif dafür ist, unterstützt. "Ich denke ehrlich, wenn die Leute wirklich auf einem fundamentalen Niveau verstehen würden, dass dieser Moment, gerade jetzt, dieser Moment und dieser Moment, alles ist, was wir haben, es 99,9% weniger Probleme auf der Welt geben würde."

Es wäre zu einfach, diese Ansicht als idealistisch und romantisch abzutun, und falls es für Gillian Anderson bedeutet: "Wenn alles wegfallen würde, alle materiellen Dinge, all der Ruhm, alles, weiß ich, ich wäre okay. Ich befinde mich im Moment in einer sehr glücklichen Phase meines Lebens, und ich weiß, ich kann Glück finden, auch wenn ich nichts besitze". Und dann zitiert sie eine bestimmte Countryrocksängerin: "Es kann nicht so schlimm werden."

Text: mysterynews.de
Quelle: Cambridge Student Newspaper

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