"HELLO" Interview mit Gillian Anderson

30. November 2002    
Ausgabe 741 von "Hello" (UK-Magazin) beinhaltet einen fünfseitigen Artikel mit einem neuen Interview mit Gillian, zusammen mit einigen Fotos.

Was den Erfolg in Hollywood angeht, da hat Gillian Anderson alles. Internationalen Ruhm, Anerkennung ihrer Kollegen (sie gewann zweimal den Screen Actors Guild Award in der Kategorie "Herausragende Hauptdarstellerin"), gefeierte Schönheit und die üblichen Statussymbole des Reichtums.

Wie dem auch sei, alles hat seinen Preis und es begann mit der vielbesprochenen Erleichterung, dass sie Anfang dieses Jahres die Gesellschaft von "Akte X" verließ. Nicht, dass man alles glauben darf, was in den Zeitungen steht, wie Gillian sagt, habe sie ihren Preis bezahlt.

"Der Unterschied zwischen dem, was ich sage und dem, was in der Zeitung landet, ist riesig", verrät sie. "Einerseits macht es mir nichts aus, aber andererseits, wenn man jemanden zu sich einlädt, und man sagt, okay, das bin ich, ich habe meine Trainingsanzugshosen an und ich öffne mich zu einem gewissen Grade..." Sie schüttelt den Kopf und lächelt. "Und es endet immer in diesen schnulzigen Dingen über meine Kindheit und all die Hilfe, die ich hatte!"

Auch wenn sie ganz klar froh ist, das jahrelange Medieninteresse und den sträflichen Drehplan von "Akte X" - 16 Stunden am Tag, fünf oder mehr Tage die Woche für neun Monate im Jahr -, los zu sein, fand es Gillian Anfangs schwer, abzuschalten.

"Zu Beginn war es sehr schwer", gibt sie zu. "Mein Hirn raste, denn ich war es gewohnt die ganze Zeit mit der Arbeit, zurück zum Trailer zu gehen und die Zeilen zu lernen, zu balancieren. Und dann all die Anrufe und das alles!

Da war dieses ständige Sperrfeuer von allem und mein Hirn blieb lange Zeit in diesem Modus. Sogar nachdem wir aufgehört haben, konnte ich nicht davon loskommen. Es war hart", sie lächelt, "ich habe es keine Sekunde vermisst."

Gillian hat der Fernseharbeit vorerst den Rücken zugekehrt, um sich anderen Projekten zu widmen. Nach ein paar kleinen Filmrollen überraschte sie vor einigen Jahren viele Zuseher mit der Qualität ihrer Vorführung in Terence Davies` gefeierten Film "The House of Mirth". Nun erstaunt sie noch mehr Leute mit ihrem West End Debüt.

Das Stück, um das es geht ist "What The Night Is For", die neue Arbeit von Michael Weller. Mit den Worten von Gillians Co-Star Roger Allam geht es um "Adam, einen erfolgreichen New Yorker Architekten, mit einer Frau und einem Kind, der, vor zehn Jahren eine Affäre mit Melinda [Gillian Anderson] hatte, eine Frau, die er in einer Bücherlesegemeinschaft kennengelernt hatte. Dann, ungefähr nach einem Jahr, verschwand sie plötzlich. Zehn Jahre später sucht er nach ihr, weil er erkannt hat, dass sie die Frau seines Lebens ist."

Ich habe schon etwas Theater gespielt und wollte schon lange mehr machen", erklärt sie, "aber ich habe nichts gefunden, was ich wirklich machen wollte. Ich wollte `Fool For Love` mit einem anderen Ensemble machen, und am Tag, als ich mich entschloss, nicht mitzumachen, landete dieses Stück auf meiner Türschwelle und ich dachte: `Das muss ich machen.` Das ist absolut beängstigend", lacht sie, "aber ich war dazu bestimmt, das zu tun."

Es ist also ein bisschen Schicksal, dass dazugeführt hat, ein Stück über die Wirrungen des Schicksals zu spielen ?

"Absolut", lächelt Gillian, "In diesem Stück geht es um die Vorsehung und mit wem wir zusammen zu sein bestimmt sind. Entweder sind wir mit der richtigen Person zusammen und falls nicht, wie viel Schaden darf man anrichten, nur um mit dem zusammenzusein, von dem wir denken, es wäre die richtige Person."

Gillian gibt zu, sehr an die Vorhersehung zu glauben, erklärt aber, dass dies nicht der alleinige Grund war, die Rolle anzunehmen. "Es ist wirklich gut geschrieben, ein wunderbares Skript. Ich wollte wirklich ein neues Stück machen und etwas, was provokativ ist und ich habe Melinda und ihre Reise wirklich `verstanden`. Ich fühlte, ich könnte ihre Aspekte, die ich interessant und bezwingend fand, verkörpern."

Wer ist Melinda also ? "Oh Gott, ich hasse es diese Frage zu beantworten ! Die Leute fragten mich immer, wer Scully sei und ich bin nicht sicher, ob ich das jemals richtig beantworten konnte ! Warten sie. Melinda ist eine amerikanische Frau Anfang 40. Sie hat zwei Kinder und einen Ehemann. Sie ist Sozialarbeiterin. Sie ist sehr komplex und..." Gillian zögert einen Augenblick. "Sie steckt in einer Welt fest, in der sie nicht glücklich ist - nicht nur in ihrer Ehe, sondern in ihrem Leben. Sie fühlt sich gefangen. Sie ist es gewohnt, sich um alles zu kümmern. Sie ist sehr effizient und eine großartige Mutter, aber sie lebt ein sehr leidenschaftsloses Leben und, im Grunde ihres Herzens, ist sie eine unglaublich aufregende Person, aber sie kann zu diesem Zeitpunkt nicht so leben."

Ohne grob vereinfachende Parallelen zwischen Melinda und Gillians echtem Leben, in dem sie genervt von der Situation bei "Akte X" war, zu ziehen, ist das aber vielleicht der Grund, warum sie Melindas Charakter so "verstand" ?

"In gewisser Weise..." Sie macht eine Pause. "Ich bin sicher, da ist etwas dran. Einfach in der Entscheidung ein Stück zu machen, das so schwer ist und", fügt sie lachend hinzu, "so potentiell verdammend ! Aber wenn man den Zeitplan bedenkt, in dem ich so lange gesteckt bin, konnte ich nichts anderes als so etwas enorm herausforderndes auswählen. Bezüglich, dass etwas endet und ich mich gefangen fühle..." Sie macht wieder eine Pause. "Ja", sagt sie fest. "Aber es geht mehr um den emotionellen als den physischen Aspekt. Sie ziehen Vergleiche mit meiner `Gefangenschaft` in der Serie, aber es ist mehr Melindas emotionale Welt, für die ich Mitgefühl empfinde."

Was den West End Co-Star Roger betrifft: Er ist ein Olivier Award-Gewinner, der alles gemacht hat, angefangen von "Les Miserables" (er spielte die Rolle von Javert) und Klassiker wie "The Cherry Orchard" bis zu zwei Auftritten in "Art". Gillian erkennt seine Erfahrung ganz offensichtlich an. "Er ist fantastisch. Es macht so viel Spaß mit ihm zu arbeiten, es ist so süß und so lustig. Wir hatten eine tolle Zeit. Wir arbeiten sehr gut zusammen.

Einfach miteinander das Herz des Stücks zu `finden` war wirklich wunderbar und John Caird ist so ein großartiger Regisseur dafür. Wir drei können einfach alle Details genau herausarbeiten und verstehen einander wirklich. Es war ein fantastischer Prozess, so kreativ und ich habe mein ganzes Potential genutzt."

Es gibt einen gewissen Snobismus, der besagt, Fernsehen sei niedriger zu bewerten als das Theater. Ist die Entscheidung für das Stück auch dadurch zu sehen, vielleicht durch Gillians Verlangen, zu beweisen, dass sie schauspielern kann ? "Ich bin sicher, in gewissem Sinne für mein Ego, ja. Aber ich habe es auch vermisst. Ich machte einige der `Vagina Monologe` und das war für mich das erste mal seit langer Zeit, dass ich auf der Bühne war. Und einfach dort oben zu sein...ich brach in Tränen aus ! Es war fantastisch ! Ich musste es wieder machen. Und mir auch selbst beweisen", kichert sie. "Denn ich habe auch diese snobistische Einstellung dem Fernsehen gegenüber !"

Tatsächlich. Diejenigen, die erwarte Gillian in der Rolle als Scully zu sehen, werden enttäuscht sein. Wie Roger Allam sagt, Gillian ist eine "hervorragende Schauspielerin. Man kann gut mit ihr zusammenarbeiten, eine wundervolle Person und sehr lustig." Natürlich, wie bereits erwähnt, hat Gillian ihre Schauspielkunst ohne Zweifel bewiesen. "The House of Mirth" hat vielen Zusehern gefallen und davor spielte sie in der Ensemblecomedy "Playing by Heart" und hatte eine Nebenrolle in Peter Chelsoms bezauberndem, aber schlecht besuchtem "The Mighty". Zu diesem Zeitpunkt war Gillian eines der berühmtesten Gesichter auf dem Planeten, aber sie hatte einen sehr guten Grund, die Nebenrolle zu wählen.

"Ich liebe Peter Chelsom" verrät sie. "Darum war die Chance mit Peter zu arbeiten, zu gut, um sie zu verpassen."

In "The Mighty" spielt Gillian die ziemlich lockere Loretta Lee. "Als ich ursprünglich das Video eingesandt hatte, war meine Interpretation des Charakters sehr, sehr anders." Sie lacht, "und er hat mich daraufhin engagiert. Dann hat er das Rolling Stone-Cover, das ich gemacht habe, gesehen. Da trage ich dieses rote Kleid und mein Haar ist gelockt, und er sagte: `So soll sie aussehen !` Sie wurde zu diesem total komischen Kauz!"

Während "What The Night Is For" Gillians West End Debüt ist, ist sie nicht zum ersten mal in der Hauptstadt. "Ich lebte von meinem zweiten bis zu meinem 11. Lebensjahr." Sie lehnt sich zurück und sieht siech in ihrem neuen Westlondoner Zuhause glücklich um. "Und es ist fantastisch wieder zurück zu sein. Ich habe eine tolle Zeit hier. Ich liebe diese Stadt. Es ist wunderbar hier mit meiner Tochter zu sein, und mit meiner Mutter, und alte Freunde zu treffen und neue Leute kennen zulernen. Ich hatte eine großartige Gruppe Leute als Freunde. Es ist hier einfach so komplett anders !" Sie kichert und zählt die Vorteile eines Lebens in London and ihren Fingern ab. "Tolle Konversation, tolles Essen, tolle Freunde..."

Ein anderer Vorteil ist die Masse an Zeit, der sich Gillian plötzlich zur Verfügung steht. "Es ist nett, diese Zeit zu haben", erklärt sie. "Die Proben waren intensiv, aber sie waren nichts gegen den Zeitplan, den ich gewohnt war. Und während der Zeit, in der das Theaterstück läuft, habe ich den ganzen Tag frei und dann arbeite ich wirklich nur vier Stunden! Das ist Nichts!"

Sie strahlt: "Ich kann den ganzen Tag spielen, mit meiner Tochter zusammensein und Zeit in der Stadt verbringen...ich fühle mich sehr vom Glück verwöhnt. Und wie, wenn ich frei wäre. Ein Teil von mir denkt, ich könnte, glücklicherweise, hier herziehen und für den Rest meines Lebens nur mehr Theater machen."

Text: www.mysterynews.de
Quelle: hello magazin

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